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Walfang vor Island: Das Schlachten geht weiter

Als die weltweiten Walbestände an den Rand der Ausrottung gelangten, beschlossen die Mitgliedsstaaten der Internationalen Walfangkommission IWC 1982 ein Verbot des kommerziellen Walfangs. Das Moratorium trat 1986 in Kraft. Dennoch gibt es drei Länder, die kommerziellen Walfang weiterhin erlauben: Norwegen erkennt das Moratorium nicht an und setzt eigenmächtig kommerziellen Walfang fort. Japan deklariert seinen Walfang als »wissenschaftlich«. Island weigert sich, das Moratorium der IWC gegen kommerziellen Walfang anzuerkennen und tötet stattdessen weiterhin gefährdete Finnwale zu Exportzwecken sowie Zwergwale für die Inlandsnachfrage, auch als Angebot für Touristen.

Vor Island kommen vor allem Zwergwale,

auch Minkwale genannt, (Bild oben) und Finnwale vor. Beide Arten werden bejagt. Jedes Jahr schießen die isländischen Walfänger etwa 50 Zwergwale. · Bild: Regina Asmutis-Silvia-WDC

Finnwale

können bis zu 26 Metern Länge erreichen und sind nach dem Blauwal das zweitgrößte Säugetier der Welt. Die Großwale sind in der Roten Liste gefährdeter Arten gelistet, nachdem ihre Bejagung im 20. Jahrhundert zu einem rapiden Rückgang geführt hat. Dennoch hat die isländische Regierung für 2017 eine Fangquote von 154 Finnwalen herausgegeben. Wegen Exportschwierigkeiten blieben sie 2017 verschont. · Bild: WDC

Von Jan Mücher

Der nördliche Atlantik ist ein ruhiges Gewässer, als die »Halldor Sigurdsson« aus einem der schützenden Fjorde Islands ausläuft. Minkwale sind das Ziel des Walfängers, der sich als Konrad vorstellt. Routiniert schiebt er die Abschussvorrichtung auf die Harpune. Man sieht, dass er es schon seit vielen Jahren macht. In den ersten Jahren schoss ihm nur so das Adrenalin durch den Körper, erzählt der Walfänger. Doch mittlerweile habe er sich daran gewöhnt. Er sei nun mal schon immer ein Jäger gewesen.

1975 hat Konrad seinen ersten Wal geschossen. Seither fährt er in jeder Walfangsaison auf das Meer vor Island heraus, um Finnwale oder Minwale – wie die Isländer Zwergwale nennen – zu jagen. Mit einem scheppernden Motor fährt die »Halldor Sigurdsson« Richtung Ozean. Das Alter des Motors hört man. Sie sieht nicht aus wie eines der bekannteren größen Walfangschiffe, die von Sea Shepherd auf allen Ozeanen der Welt bekämpft werden, um die mittlerweile international verurteilte Jagd auf Wale zu beenden. Vielmehr ähnelt sie einem Hafenschlepper mit einer modernen Harpune auf dem Bug. Klein, alt, aber seit langem im Einsatz. Anscheinend erfolgreich, sonst wäre sie bestimmt längst ausgemustert worden.

Konrad verschanzt sich in der Kabine des Steuermanns und hält nach Schwarzvögeln Ausschau. Schließlich sind Schwarzvögel da, wo Fische sind und Wale wiederum dort, wo ebenfalls Fische sind. Er sieht sie und gibt die Anweisung an seine Mannschaft, das Schiff dorthin zu lenken. Auf dem Weg zur Gruppe der Schwarzvögel kommt jedoch ein anderes Walfangschiff entgegen und berichtet, dass sie heute keine Wale gefunden haben. Trotzdem entschließt sich Konrad, weiterzufahren. Und er hat Recht! Am Horizont erblickt er einen Wal. Schnell rennt er zur Harpune, während seine Crew das Schiff zum Wal fahren lässt. Doch als er den Wal genauer betrachten kann, lässt der Walfänger die Harpune enttäuscht los. Es ist ein Buckelwal.

Schon seit 1966 ist der Walfang von Buckelwalen komplett verboten. Schließlich war der Bestand der Buckelwale durch die exzessive Bejagung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stark zurückgegangen. Seitdem hat sich der Bestand wieder erholt, jedoch ist ein weiterer Schutz vor dem Menschen unausweichlich. Konrad hat dafür wenig Verständnis. Seit Jahrzehnten dürften sie keine Buckelwale jagen, auch wenn sie den ganzen Fisch wegäßen.

Buckelwale

erreichen eine Körpergröße von 12 bis 15 Metern und sind vor allem durch ihre eindrücklichen Walgesänge bekannt. Die intensive Bejagung führte zu einem bedrohlichen Rückgang der weltweiten Bestände. Die Jagd auf Buckelwale ist seit 1966 komplett verboten, sie stehen weltweit unter Artenschutz. · Bild: Vojtech Soukup - Fotolia.com

Trotz internationalen Verbots:

Kommerzieller Walfang vor Islands Küsten

Auch von Frühling bis Herbst 2017 war der kommerzielle Walfang wieder Teil der traurigen Realität auf Island. Bereits 1986 verbot Island den Walfang. Bis 1989 durfte noch zu »wissenschaftlichen Zwecken« gejagt werden. Das bedeutete für die vielen Walfangflotten, im Hafen zu bleiben. 2003 jedoch erfolgte die Kehrtwende. Zunächst wurde der Walfang wieder für so genannte „wissenschaftliche Zwecke“ zugelassen, 2006 dann auch kommerziell.

Der Walfang ist vor allem mit einer Person in Island verbunden: Kristjan Loftsson. Seit seinem dreizehnten Lebensjahr jagt er Wale und stieg als Anteileigner des Fischereikonzerns HB Grandi zu einem der reichsten Männer Islands auf. Seine Walfangflotte ist die einzige des Landes, die in der Lage ist, die größeren Finnwale zu jagen. Jeder erlegte Finnwal in den isländischen Gewässern ist durch eine der Harpunen Loftssons erlegt worden. Er steht zum Walfang und er spaltet das Land. Immer wieder zeigte er nach dem Verbot des Walfangs sein Unverständnis über die Situation: Island habe das Recht, als eigenständige Nation ihre Ressourcen zu nutzen. So vermischt er vermeintliche Wirtschaftlichkeit und nationalen Pathos zu einem Plädoyer für den Walfang - mit Erfolg: Durch seine Bestrebungen, den Walfang wieder einzuführen, beschloss das isländische Parlament die 180 Grad-Wende.

Kristjan Loftsson ist also einer der einflussreichsten Lobbyisten des Walfangs und der Fischereiwirtschaft in Island. In seiner politischen Arbeit setzt er alles daran, dass der Status Quo erhalten bleibt. Der Walfang und Island seien nach seiner Meinung eine untrennbare Einheit. Alles andere sei eine Kampagne so genannter »Antis«, wie er pauschal die Tierschützerinnen und Tierschützer nennt.

Die harten Fakten

Der Finnwalfang steht seit Jahren in der Kritik. Schließlich sind die Großwale in der Roten Liste gefährdeter Arten gelistet, nachdem ihre Bejagung im 20. Jahrhundert zu einem rapiden Rückgang geführt hat.

Doch noch immer zeigt sich das isländische Fischereiministerium uneinsichtig. Auch 2017 wurde eine Fangquote für Finnwale herausgegeben: Bis zu 224 Finnwale dürfen in diesem Jahr erlegt werden. Zuletzt verzeichnete die reale Beute der Walfänger einen konstanten Anstieg. 2013 wurden 134 Wale erlegt, 2014 137 und 2015 155. Dies ist ein Anstieg um fast 14 Prozent innerhalb von nur zwei Jahren!

Unverantwortlich finden dies nicht nur Tierschützerinnen und Tierschützer, sondern auch Meeresbiologen. Noch sind die Routen der Wale, ihr genauer Bestand vor Island sowie die Prognose und ihre Reaktion auf den Klimawandel nicht erforscht. Trotz des Mangels wissenschaftlicher Befunde wird weiter Jagd auf die Wale gemacht.

Gleichzeitig steht die Tötungspraxis in der Kritik. Durch den Wellengang und die Entfernung, mit der auf den Wal geschossen wird, gelingt es beim Großteil der Opfer nicht, die Stellen am Körper zu treffen, deren Beschuss den Finnwal sofort ohnmächtig machen würde. Oft wird eben jene Stelle verfehlt und es kommt zu einem langen Todeskampf. Blutend und voller Schmerz kämpfen viele Wale noch bis zu 40 Minuten um ihr Leben. An Land wäre ein derartiger Todeskampf längst zu Recht verpönt. Doch auf dem Meer scheint es traurige Realität zu sein.

Bis zu 24 Walarten tummeln sich an Islands Küsten.

Damit zählt Islang zu den Whale Watching-Hotspots in Europa. Auch aus ökonomischen Gründen ist Walfang längst überholt: In Island kostet ein Kilo Wal im Supermarkt nicht mehr als ein Kilo Hähnchen. Einen Wal auf einer Whale Watching-Fahrt lebendig zu sehen, kostet rund 100 Euro. · Bild: NCAimages - Fotolia

Empathie vs. Wirtschaftlichkeit

Doch dieses Jahr hielt auch einige Überraschungen parat. Wie schon 2016 verzichtete die Flotte um Kristjan Loftsson 2017 erneut auf die Finnwaljagd. Zunächst ging man von einem Einzelfall aus, doch die internationale Ächtung des Walfangs macht seinem Geschäft mittlerweile zu schaffen. Island ist schlicht und ergreifend zu klein. Trotz Tourismus kann hier keine Nachfrage erzielt werden, die wirklichen Gewinn bringt. In allen anderen Staaten der Welt ist der internationale Handel mit Walprodukten verboten. Der einzige rentable Absatzmarkt ist Japan.

Japan jedoch führte in den letzten Jahren verstärkte Kontrolle für importiertes Walfleisch ein. Durch die Verschmutzung der Meere ist die Schadstoffbelastung von isländischem Finnwalfleisch immens angestiegen. Der Gehalt an Pestiziden und Schwermetallen ist für den Menschen mittlerweile unzumutbar geworden. Somit bricht der einzige attraktive Absatzmarkt für Kristjan Loftsson weg. Ein großer Erfolg? Nein! Die Finnwale haben lediglich aus wirtschaftlichen Gründen zwei Jahre Schonung bekommen. Wäre ein Absatzmarkt vorhanden, würde weitergejagt werden. Aus Liebe zu den Tieren ist kein Umdenken geschehen. Sonst hätte das Fischereiministerium trotz Moratorium im Jahr 2016 keine neuen Quoten für 2017 herausgegeben. Aus politischer Sicht scheinen also die Sympathien und Hoffnungen klar auf Seiten des Walfanges zu sein.

Auch wenn 2016 und 2017 zwei gute Jahre für die großen Finnwale waren, bleibt nicht zu vergessen, dass weiter auf Zwergwale geschossen wird. Sie sind zwar nicht vom Aussterben bedroht und werden auch nicht als gefährdet gelistet. Doch auch sie leiden, bluten und sterben qualvoll.

Das meiste Walfleisch wird von Touristen gegessen, im falschen Glauben, dass es ein traditionelles Gericht der Isländer sei. Ein Kilogramm Wal gibt es im Supermarkt zum gleichen Preis wie ein Kilogramm Hähnchen. Zum Vergleich: Einen Wal auf einer Whale-Watching-Fahrt lebendig zu sehen, kostet rund 100 Euro.

Informationen zum Walschutz & aktiv werden:

· Whale & Dolphin Conservation WDC
Gegründet 1987. Internationale gemeinnützige Organisation zum Schutz von Walen und Delfinen.
de.whales.org

· Sea Shepherd e.V.
Gegründet 1977. Internationale gemeinnützige Organisation zum Schutz der marinen Tierwelt.
sea-shepherd.de