Freiheit für Tiere
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Die Gefühlswelt der Tiere

Die Fähigkeit, lieben zu können,

verbindet Mensch und Tier. · Bild: yanlev, fotolia.com

Liebe, Empathie und Intelligenz

Von Julia Brunke

Wir Menschen sind überzeugt, dass unsere Gefühle - Liebe, Trauer, Freundschaft, Empathie - das sind, was uns menschlich macht. Viele meinen, dass darin die Kluft zwischen Mensch und Tier liege.

Der französische Tierarzt und Psychologe Claude Béata hingegen ist überzeugt, dass Tiere wie wir Gefühle haben. In seinem neuen Buch »Das Wagnis der Liebe« gibt er einen faszinierenden Einblick die Gefühlswelt der Tiere. In berührenden Beispielgeschichten, untermauert von neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen, zeigt er, dass Tiere mehr sind als nur triebgesteuerte Maschinen: Sie können wie wir treu sein, leiden, lieben und haben die Fähigkeit zur Empathie. Denn Liebe ist existenziell, nicht nur für uns, sondern auch für die Tiere. Die Fähigkeit, lieben zu können, verbindet Mensch und Tier.

Der Verhaltensbiologe Dr. Immanuel Birmelin erforscht seit Jahrzehnten die Gedächtnisleistung und die Gefühlsebenen von Tieren, ob an Löwen und Tigern, an Schimpansen oder Hunden und Katzen. Er belegt anhand von Forschungsergebnissen: Tiere können Entscheidungen treffen, sind fähig zu gezielten Problemlösungen und leben wie wir in einer Welt von Gefühlen.

»Wir können etwas von den Tieren lernen«, ist Claude Béata überzeugt. »Auch wenn sie nicht über unsere kognitiven Fähigkeiten verfügen - aber haben wir denn die ihren? -, teilen sie mit uns die Welt der Grundgefühle. Indem wir sie beobachten und verstehen, erkennen wir auch uns selbst und unsere eigene Spezies besser.«

Denn bei höher entwickelten Tieren existiere all das, was wir gemeinhin dem Menschen vorbehalten glauben. Der Unterschied zwischen Mensch und Tier sei eher ein gradueller und nicht ein wesentlicher: Wenn der Tierarzt und Psychologe von treuen Wüstenwühlmäusen, trauernden Elefanten oder der Mutterliebe von Katzen berichtet, macht er deutlich, wie ähnlich sich menschliche und tierische Gefühls­bindungen sind. Wir haben mit den Tieren gemeinsame Wurzeln - es gibt eine ununterbrochene Kette des Seins.

Liebe ist existenziell

für uns Menschen und genauso für die Tiere. · Bild: fotowebbox, fotolia.com

Sie sind uns ähnlicher, als viele glauben

Immanuel Birmelin beschäftigt sich sein Leben lang mit der Frage, warum es zwischen Mensch und Tier so einen tiefen Graben gibt, warum für viele Menschen Tiere wie Sachgegenstände sind, die man zum eigenen Nutzen ausbeutet, und warum viele Menschen den Tieren so wenig Empathie entgegenbringen. »Die Fakten der modernen Biologie sprechen eine andere Sprache. Sie zeigen, dass die Übergänge fließend sind«, schreibt Birmelin zu Beginn seines Buches »Tierisch intelligent«.

»Vor nicht allzu langer Zeit sprachen Vertreter der weißen Rasse ihren eigenen Artgenossen, der schwarzen Bevölkerung, die gleichen intellektuellen Fähigkeiten ab«, erinnert der Verhaltensbiologe. »Es war und ist ein langer schwerer Kampf, bis die Menschheit erkennt, dass alle Menschen die gleichen potentiellen geistigen Fähigkeiten haben. Das heißt nicht, dass wir alle gleich intelligent sind, sondern dass Intelligenz etwas mit Persönlichkeit und deren Entwicklungschancen zu tun hat.«

Die Vorstellung, dass Tiere so etwas wie Sachen

sind, geht zurück auf die Kirchenlehrer Augustinus (345-430) und Thomas von Aquin (1225-1274) · Bild: Rita Kochmarjova · fotolia.com

Antiquierte Vorstellungen bis heute?

Die Vorstellung, dass Tiere so etwas wie Sachen sind, geht zurück auf die Kirchenlehrer Augustinus (345-430) und Thomas von Aquin (1225-1274). Laut Augustinus können Tiere keine Empfindung wie der Mensch haben. Nach der Lehre des Kirchenlehrers Thomas von Aquin haben Tiere keine Seele - Frauen übrigens auch nicht. René Descartes (1596-1650) Philosoph und Jesuitenschüler, griff diese Lehre auf und sprach den Tieren nicht nur die Fähigkeit zum Denken ab, sondern auch die Gefühle und die Seele. Tiere seien gefühllos wie Maschinen oder Automaten: »Ihre Schmerzensschreie bedeuten nicht mehr als das Quietschen eines Rades!«

"…denn es fühlt wie du den Schmerz"

Das philosophische System von Descartes prägte und prägt die Philosophie und Kirchenlehre des Abendlandes. »Tiere waren in seiner Gedankenwelt Sachen und Gegenstände, und das waren sie bis vor wenigen Jahren auch noch in der Rechtssprechung, mit fatalen Folgen für die Tiere«, schreibt Immanuel Birmelin. »Damit waren Tür und Tor für tierquälerische Handlungen geöffnet.« Obwohl 2002 der Tierschutz als Staatsziel ins Grundgesetz aufgenommen wurde, hat sich daran wenig verändert.

Der Forscher weist darauf hin, dass eine milliardenschwere Industrie tagtäglich auf makabere Weise demonstriert, dass Tiere Gefühle haben wie wir: »In den Labors der Pharmakonzerne wird nach Substanzen gesucht, die die menschliche Psyche beeinflussen. Man testet Schmerzmittel an Ratten, Angstlöser an Mäusen oder Antidepressiva an Schimpansen.« Dies ist nur möglich, eben weil uns die Tiere so ähnlich sind. Auch die Erkenntnisse aus der Schmerzforschung basieren größtenteils auf Tierversuchen. Dennoch wollen viele Menschen die einfache Erkenntnis »…denn es fühlt wie du den Schmerz« nicht auf Tiere anwenden.

»Tieren grundsätzlich die Leidensfähigkeit abzusprechen, ist in höchstem Maße unplausibel und entbehrt jeder vernünftigen Begründung«, schreibt Immanuel Birmelin. »Schmerzwahrnehmung ist ein biologisch universelles Prinzip.«

Primaten geben Kulturtechniken,

wie den Umgang mit Werkzeug, an ihre Kinder weiter. · Bild: Larisa Kursina · fotolia.com

Intelligenz

Die moderne Wissenschaft weiß heute, wie Nervenzellen untereinander beim Lernen und Erinnern kommunizieren. Diese biochemischen Vorgänge sind bei Tieren und uns Menschen fast identisch. »Das Leben ist ein Kontinuum ohne scharfe Grenzen«, so Birmelin.

Verhaltensforscher beobachteten Schimpansen im Tai Forest Nationalpark der Elfenbeinküste, die eine Hammer-Amboss-Technik anwendeten, um harte Coulanüsse zu knacken: Ein breiter kräftiger Ast - am besten mit einer Kerbe versehen, so dass die Nuss nicht wegrutschen kann - wird als Amboss, ein Holzknüppel als Hammer verwendet. Die Geschicktesten unter ihnen kalkulierten ihre Schlagkraft so, dass die Nuss nicht zermatschte. Eine weitere Sensation war, dass erwachsene Affen ihren Kindern aktiv die Technik beibrachten und ihnen demonstrierten, wie sie den Hammer zu halten haben. In diesem Fall kann sogar von einer Tradition oder Kultur gesprochen werden.

Immanuel Birmelin wollte wissen, wie Menschen dieses Problem des Nüsseknackens lösen. Seine Versuchspersonen waren 17 Schüler der 13. Klasse eines Freiburger Gymnasiums. Er stellte die Urwaldbedingungen nach: »Ich leerte im Klassenzimmer drei große Säcke mit Blumenerde auf dem zuvor mit Folie bedeckten Zimmerboden aus. Der Boden musste so weich wie der Urwaldboden sein. Auf den Boden legte ich 5 Holzstücke unterschiedlicher Dicke und Schwere. Eines taugte als Amboss, das andere konnte als Hammer verwendet werden. Nun bat ich die Schüler, den Raum zu verlassen und rief einen nach dem anderen herein: Sie sollten ihr Glück versuchen, die Paranüsse mit den dargebotenen Hilfsmitteln zu öffnen.«

Was sich dann abspielte, hatte er nicht vermutet: »Einige legten die Nuss immer wieder auf den Boden und schlugen mit Kraft darauf. Ohne Erfolg natürlich, da der Boden weich war und der Schlag abgedämpft wurde. Doch sie begriffen den Zusammenhang nicht. Wie der andere nahmen zwei Holzstücke in die Hände und versuchten, die Nuss zu zerdrücken. Die Nuss hielt stand. Wieder andere versuchten verschiedene Techniken und kamen durch
Versuch und Irrtum auf die richtige Anwendung. Nur fünf der Schüler bedienten sich sofort der Hammer-Amboss-Technik. Neun Schüler konnten die Nuss nicht öffnen.« Die Erklärung: »Unsere jungen Menschen haben selten den Gebrauch eines Hammers und Ambosses live erlebt. Sie haben das Wissen nicht, um überhaupt zum Denken vorzustoßen. Denkprozesse fallen nicht vom Himmel, sondern sind abhängig von unserem Wissen. Und welches Wissen wir uns aneignen, hängt natürlich von unserem soziokulturellen Hintergrund ab.« Übrigens auch bei den Schimpansenkindern.

Moderne Wissenschaftler haben nachgewiesen, dass Totenkopf­äffchen, Schimpansen und Seelöwen zu abstraktem logischen Denken fähig sind. Sie lösten in Versuchsanordnungen Aufgaben, bei denen auch einige Menschen ins Straucheln geraten würden. Denn auch bei Menschen muss das logische Denken geschult werden. Übrigens gehören Seelöwen auch zu den Spitzenreitern unter den Tieren im räumlichen Vorstellungsvermögen.

»Leichtfertig beurteilen wir die Tiere und behaupten, dass sie dies und jenes nicht können. In Wirklichkeit kennen wir sie zu wenig«, schlussfolgert Verhaltensforscher Immanuel Birmelin. »Vermutlich ist die Fähigkeit, Probleme mittels logischer Schlussfolgerungen zu lösen, viel weiter verbreitet, als wir je geträumt haben.

Immer wieder gibt es Aufsehen erregende Berichte von Tieren, die nach menschlichen Maßstäben als besonders intelligent gelten. Immanuel Birmelin berichtet von Alex, dem Graupapagei, der Mengen bis zu sechs Stück sowie Dreiecke, Quadrate, Fünfecke und Sechsecke an den Zahlen der Ecken unterscheiden und richtig benennen konnte - ein Fünfeck hieß bei ihm »five corner«. Alex konnte die Farbe und das Material (Holz, Kork, Metall,…) von Gegenständen richtig benennen. Zeigte man ihm einen Schlüssel, sagte er »key«. Zeigte man ihm einen roten und einen grünen Bleistift mit der Frage »What`s different?«, antwortete er »colour«. Zeigte man ihm zwei gleich aussehende Schlüssel mit der Frage »What`s different?«, antwortete er »none«.

Der Border Collie Rico kann die Namen von 200 Plüschtieren und Spielzeug auseinander halten und apportiert sie nach Aufforderung. Dr. Birmelin berichtet, wie Juliane Kaminski vom Max-Planck-Institut in Leipzig überprüfte, ob Rico einfach nur ein sehr gutes Gedächtnis hat, oder ob er auch denkt: »Frau Kaminski wählte ca. 15 vertraute Spielzeuge aus, legte ein Unbekanntes dazu und gab ihm den Namen Hahn. Weder Spielzeug noch Wort kannte Rico zuvor.« Auf die Aufforderung »Rico, hol den Hahn« suchte er das richtige Spielzeug mit Bedächtigkeit heraus und brachte es. »Das war ein schlagender Beweis, dass
Hunde denken können«, schreibt Birmelin. »Rico ging nach Ausschlussverfahren vor: Ich kenne alle Gegenstände und deren Namen, nur den Neuen nicht, also muss er den Namen Hahn tragen. Kleinkinder erfassen neue Wörter nach demselben Prinzip.«

Freude am Denken

Tiere können Freude empfinden. Dies belegt die moderne Emotionsforschung durch viele neurophysiologische Experimente. Bei Freude geben die Nervenzellen des Gehirns den Signalstoff Dopamin ab. Dopamin ist ein Transmitter, der die Information von einer Nervenzelle auf die andere überträgt.

»Der Gedanke, Tieren eine Freude zu bereiten, ist für viele Tierhalter so fremd, dass sie nur den Kopf schütteln, wenn man darüber spricht«, schreibt der Verhaltensforscher Dr. Immanuel Birmelin in seinem Buch »Tierisch intelligent«. »Ich glaube, positive Gefühle haben bei Tieren eine ähnliche Auswirkung auf das Immunsystem wie beim Menschen.« Nicht nur mit Futter, vor allem auch mit geistiger Anregung können wir Tieren Freude bereiten. Hunde lösen gerne Denksportaufgaben. Offenbar nutzen sie gerne ihr Gehirn, um Probleme zu lösen.

Birmelin weist darauf hin, dass dieser Gedanke in Gehirn­forschung und Psychiatrie nicht neu ist: »Nach Meinung des Psychiaters Manfred Spitzer ist das Gehirn geschaffen worden, um beschäftigt zu werden und Probleme zu lösen. Nicht zu denken und nur auszuruhen ist eher schädlich für den Stoffwechsel des Gehirns.«

Empathie, Solidarität und Zuneigung

Zuneigung sind universelle Konzepte, die für Mensch wie Tier gültig sind. · Bild: pictureguy32 · fotolia.com

Persönlichkeit

Menschen, die mit Tieren zusammen leben, wissen aus eigener Anschauung: Jede Katze, jeder Hund, jedes Pferd hat seine eigene Persönlichkeit, sowohl in der Begegnung mit Artgenossen als auch mit uns Menschen. Kein Tier ist wie das andere: Sie können selbstbewusst oder schüchtern sein, mutig und voller Erkundungsdrang oder ängstlich. Manche sind verspielt, andere austricksend, manche ziehen wie Schauspieler eine Show ab. Manche sind unglaublich schlau, können Türe öffnen, finden jede Lücke im Zaun. Manche sind »Chefs« und Anführer, andere lassen sich von der »Show« der anderen nicht beeindrucken, wieder andere wirken friedlich und ausgleichend, manche ordnen sich unter, andere wollen nicht nach der Pfeife tanzen.

Sicher hatten Sie jetzt Bilder von Tieren im Kopf, die sie gut kennen und die genau solche Charaktereigenschaften haben oder völlig anders sind!

»Trotz aller Unterschiede bei dem Versuch, Persönlichkeit bei Tieren zu definieren, sind sich die meisten Wissenschaftler darin einig, dass Tiere eine Persönlichkeit haben« schreibt Immanuel Birmelin in »Tierisch intelligent«.

Alle Lebewesen

brauchen notwendigerweise von Geburt an eine Bindung, die ihnen ein sicheres Fundament gibt. · Bild: Valentine · fotolia.com

Mutterliebe

Mutterliebe ist für ein Individuum - ob Mensch oder Tier - sehr wichtig. Der kanadische Psychiater Michael Meany und sein Team zeigten an Ratten, dass Babys, die von ihren Müttern viel Mutterliebe erfahren und häufig geleckt werden, besser für ihr späteres Leben gerüstet sind und Stresssituationen besser bewältigen. »Wie kann man sich einen solch sensationellen Befund erklären?«, fragt Birmelin und verweist auf die moderne Biochemie und Epigenetik: »Der Umgang der Mutter beeinflusst die DNS (Desoxyribonukleinsäure / die DNS enthält die genetische Information, das ‚Erbgut’ von Zellen) des Jungtieres.« Das Lecken und Putzen der Mütter beeinflusst die Stressabwehr. »Bei Rattenbabys, die von ihren Müttern gut gepflegt wurden, findet man im Gegensatz zu den vernachlässigten Babys in bestimmten Regionen (Hypothalamus) des Gehirns Zellen, die mehr Östrogen (Hormon) binden können. Östrogen wiederum beeinflusst das Fürsorgeverhalten. Diese Kinder werden ihre Jungen liebevoller aufziehen als die Jungen, die wenig Fürsorge erhalten haben.«

Hinterlässt Mutterliebe beziehungsweise mangelnde Mutterliebe beim Menschen ähnliche Spuren? »Diese Frage stellten sich auch Michael Meany und sein Team. Seine Forschungsergebnisse lassen darauf schließen, dass auch liebevoll aufgezogene Kinder bessere Chancen haben, im späteren Leben mit ungewöhnlich starken Stressbelastungen fertig zu werden.«

Claude Béata konnte sich in seiner tierärztlichen Klinik immer wieder davon überzeugen, dass Tiermütter die Zahl ihrer Jungen sehr genau kennen. Anschaulich berichtet er von einer jungen Katzenmutter, die mit ihren fünf Kleinen das Inbild mütterlicher Pflege bot. Als ein kleines Katzenfindelkind in die Klinik gebracht wurde, wagte er ein Experiment: Er setzte das elternlose Katzenbaby in die Nähe der Katzenmutter, die ihre Kinder säugte. »Beim Fiepen des Katzenjungen … hob sie plötzlich den Kopf und schaute erst eindringlich, dann unruhig nacheinander jedes der eigenen Jungen an. Hätte sie es nur einmal getan, hätte ich daran gezweifelt, aber da sie es mehrmals tat, lege ich meine Hand dafür ins Feuer, dass sie ihre Jungen gezählt hat. Selbstverständlich fehlte keines, aber trotzdem fiepte da ein Katzenbaby ganz in der Nähe.« Der Tierarzt berichtet, wie die Katzenmutter sich dem fremden Baby vorsichtig nähert, er beschnuppert, zurück zu ihren eigenen Kleinen geht, ihre Ohren unablässig bewegt, weil das fremde Kätzchen weiter fiept. Schließlich geht sie wieder zu dem fremden Kätzchen, leckt es ab, packt es am Genick und trägt es zu ihren Kindern. »Ich habe daraus geschlossen, dass die Liebe zwar zu zählen versteht, aber nicht aus egoistischen Gründen. Die Katze ‚wusste’, dass die einzige Überlebenschance für das kleine Katzenjunge darin bestand, ein Bezugswesen zu finden, das sich um es kümmerte.«

Jedes Kätzchen, davon ist der Tierarzt überzeugt, ist einzigartig und unverwechselbar. Die Katzenmutter verhalte sich gegenüber jedem einzelnen auf spezifische Weise. »Die Bindung existiert für alle. Sie ist eine Hülle, die nicht den Inhalt der Beziehung vorschreibt. In dieser Beziehung überwiegen der positive Austausch und die Freude, aber die Mutter setzt auch Regeln fest. Auch diese unterscheiden sich, je nachdem, wie sich die Jungen verhalten.«

Besonders ergreifend ist,

wenn Tiermütter elternlose Babys adoptieren.· Bild: Larisa Kursina · fotolia.com

Immer mehr Forscher

stoßen auf »humane« Umgangsformen bei Tieren wie Einfühlung, Mitgefühl, Hilfsbereitschaft, Selbstlosigkeit, Opferbereitschaft, Gerechtigkeit, Freundschaft, Gemeinschaftssinn, Versöhnung. · ild: Kara · fotolia.com

Elefanten lassen kein Herdenmitglied im Stich.

Bild: Jean-Marc Strydom · fotolia.com

Bindung und Freiheit

Bindung lässt uns und den Tieren aber auch Wahlfreiheit. Dies macht eine Szene deutlich, die in einem afrikanischen Naturpark gefilmt wurde: Eine Elefantenmutter bringt ein Kind zur Welt. Bei der Geburt und Pflege des Neugeborenen hilft die dreijährige Elefantentochter, während die Herde wartet. Doch dem Elefantenbaby gelingt es nicht, auf die Beine zu kommen. Nun ist gerade die Zeit der großen Dürre und die Herde ist auf dem Weg zum nächsten Wasserloch. Ohne Wasser ist das Überleben der ganzen Herde gefährdet. Die Leittiere zeigen Unruhe. »Alles spricht dafür, dass hier das Wohl aller und die Bindung an Einzelne, das Überleben der Herde und die Solidarität mit jedem einzelnen Mitglied abgewogen und schließlich eine Entscheidung gefällt werden muss«, schreibt Béata. »Der Konflikt wird vom Leitbullen gelöst, der sich in Richtung auf das nächste vermutete Wasserloch in Bewegung setzt. Die ganze Herde folgt ihm mit Ausnahme unseres Trios: das bewegungsunfähige Neugeborene, die Mutter, die bei ihrem Jungen bleiben muss, und ihre Tochter, die - so bin ich geneigt zu denken - hin und her gerissen ist.«

Die dreijährige Elefantentochter tritt unruhig auf der Stelle, schwenkt den Kopf zwischen der Herde und ihrer Mutter mit dem Neugeborenen. »Dann fällt plötzlich die Entscheidung: Der
Überlebenstrieb siegt, sie folgt der Staubwolke der Herde.« Die Mutter versucht weiter, ihrem Jungen auf die Beine zu helfen. Auf einmal kommt die Tochter zurück. »War die Bindung an die Mutter stärker als der Überlebenstrieb? Was ist an ihrer Entscheidung bewusste Wahl und was Unterwerfung unter einen Instinkt?« Erstaunlich ist, wie die Geschichte weitergeht: »Die beiden weiblichen Elefanten nehmen das Junge in die Mitte und stützen es, damit es nicht hinfällt. Sie tragen und stützen es mithilfe des Rüssels oder eines Beines. Die Erfolgsaussichten sind gering, und bei einem Scheitern würden sie den Anschluss an die Herde und damit jede Überlebenschance verlieren. Doch manchmal bewirkt die Liebe Wunder, und wir werden Zeuge dieses Wunders. Dem Elefantenjungen gelingt es, auf dem Bein, das bisher immer eingeknickt ist, doch Halt zu finden. Alle drei schlagen nun unter lautem Trompeten die Richtung ein, in der die Herde fortgezogen ist.« Die Herde wartet auf die drei, und gemeinsam kommen die Elefanten beim Wasserloch an.

»Dieses Beispiel aus dem Leben wilder Elefanten liefert einen Beleg für die Stärke der Bindung, aber auch für die Wahlfreiheit der Akteure«, schreibt Claude Béata. »Elefanten haben ein Bewusstsein ihrer selbst, sie gehören zu den wenigen Tierarten, die vor ihrem Spiegelbild reagieren. Das ist einer der Gründe, weshalb ich behaupte, dass hier eine Entscheidung vorliegt.« Sein Fazit: Die kognitiven Fähigkeiten eines Lebewesens mindern nicht die Stärke der Bindung, sondern fügen ihr eine gewisse Handlungsfreiheit hinzu.

Das Beeindruckende daran sei, dass dieses Verhalten nicht zwangsläufig geschehe: »Wenn aber die Bindung eine solche Stärke erreicht wie bei den Elefanten, dann ist auch der Schmerz, der sich bei jedem Verlust einstellt, ebenfalls an der Grenze des noch Erträglichen. Elefanten, die für die Liebe gemacht sind, kennen auch die Trauer.«

Auch bei Delfinen helfen ‚Tanten’ oder ‚Patinnen’ bei der Geburt eines kleinen Delfins: Sie stützen Mutter und Kind nach der Geburt und bringen das Junge an die Wasseroberfläche, damit es seine ersten Atemzüge machen kann. Doch trotz ‚Tanten’ erkennt das Kleine beim Säugen immer seine Mutter. Es folgt der Mutter beim Schwimmen und lernt, seine Bewegungen mit ihr zu synchronisieren. Später schließen Delfine feste Freundschaften mit perfekter Synchronisation. Während die Bindung an die Mutter naturgegeben ist, wird die Freundschaft gewählt.

Liebe und Freundschaft

Liebe ist mehr als Fortpflanzung zur Arterhaltung, ist Emotions­forscher Claude Béata überzeugt: »Aus evolutionsbiologischer Sicht ist Liebe totaler Unsinn«. Wissenschaftler wollen dem Verhalten bei Tieren stets eine evolutionsbiologische Begründung geben. Hinter der Mutterliebe soll die Notwendigkeit des Überlebens stehen, ansonsten geht es um Fortpflanzung und Schutz. Bei Tieren handle es sich um Instinkte - und dies mache die Kluft zwischen Mensch und Tier aus. Claude Béata erwidert, dass daraus kein wesentlicher Unterschied zwischen Mensch und Tier abzuleiten sei: »Denn für uns Menschen gelten ebenfalls die biologischen Notwendigkeiten des Überlebens, der Fortpflanzung und des Schutzes.«

Doch bei Menschen wie Tieren existiert auch Freundschaft, also Verbindung ohne handfesten Grund, ohne Fortpflanzungs- oder Überlebensvorteil: eine Beziehung, die keinen anderen Zweck hat, als sie selbst und die Freude, mit dem anderen zusammen zu sein.

Bei Elefanten gehen Wissenschaftler inzwischen davon aus, dass ihre freundschaftlichen Beziehungen einen Wert in sich darstellen. Auch bei Pferden gibt es feste Freundschaften: Pferde, die einander freundschaftlich verbunden sind, haben sogar einen langsameren und regelmäßigeren Herzschlag als Ausdruck des Wohlbehagens. Gemeinsam sind sie weniger stressanfällig. Bei Vögeln haben Forscher die Existenz von Freundschaften nachgewiesen, die in ihrer Komplexität mit denen bei den Menschenaffen mithalten können. Affen gelten als Muster für Freundschaft. Delfine schwimmen mit ihren Freunden gemeinsam und vollziehen ihre Sprünge synchron in vollkommener Harmonie. Sie zeigen überschwängliche Freude beim Wiedersehen nach einer Trennung.

Katzen in Tierheimen suchen und finden einen Freund und Gefährten, mit dem sie gut auskommen, und das verleiht ihnen den Halt, mit der Situation in Gefangenschaft fertig zu werden. Claude Béata berichtet auch von einem Kater namens Cool, der im Haus einer Katzen liebenden Dame lebte und sich liebend gern um kleine Kätzchen kümmerte, welche die Dame nach Hause brachte: »Stießen solche Findelkätzchen in ihrer Hilflosigkeit laute Schreie aus, dann pflegte Cool aufmerksam herbeizueilen, sie zwischen die Pfoten zu nehmen und abzuschlecken. Er begleitete sie bei ihren Erkundungen im neuen Zuhause und beschützte sie, wenn andere Katzen mit unfreundlichen Reaktionen ihr Revier verteidigten… Er war ein echter Friedensstifter in den Beziehungen zwischen den verschiedenen Katzen, die seine Rolle offensichtlich kannten, akzeptierten und schätzten.« Offenbar war der wichtigste Antrieb die Freude, die der Kater im Kontakt mit anderen empfand.

Oran-Utan-Mutter mit Kind

Bild: charles taylor Fotolia.com

Soziale Intelligenz und Kommunikation

Wie hoch ist die soziale Intelligenz der Tiere? Dr. Immanuel Birmelin berichtet in »Tierisch intelligent« von einem Experiment, das er gemeinsam mit Rob Shoemaker, dem Leiter der Orang-Utan-Station in Washington, beobachten konnte: Die Orang-Utan-Dame India beobachtete durch ihr Käfiggitter, wie unter einer von zwei umgedrehten Futterschüsseln ihre Lieblings­frucht, eine Feige, versteckt wurde. Anschließend wurde Rob vor Indias Käfiggitter geführt: »Er war imstande, die Feige für India zu holen, hatte aber erstens einen Eimer über dem Kopf und konnte nichts sehen und zweitens wusste er nicht, unter welcher Schüssel die Feige lag. … India zögerte nicht lange und nahm ihm den Eimer vom Kopf. Aber damit nicht genug, sie wusste auch, dass sie Rob vor die richtige Futterschale schubsen musste, damit er ihr das Futter holen konnte. Und genau das tat sie. Ein geistiges Bravourstück, was India in vielen weiteren Tests unter Beweis stellte.«

Die Kommunikation der Tiere ist viel feiner und vielfältiger, als wir glauben. Und sie geht weit über Lautäußerungen hinaus: Pferde beispielsweise kommunizieren über Körper- und Ausdrucks­bewegungen und sind in der Lage, feinste Bewegungen wahrzunehmen und in Bruchteilen von Sekunden darauf zu reagieren. Dieses ausgefeilte Sozialverhalten ist nicht nur in der Herde zu beobachten, sondern ermöglicht auch eine Kommunikation zwischen Mensch und Pferd. Wenn der Mensch sich darauf einlässt, die Pferdesprache lernen, also die feinsten Bewegungen seines Pferdes zu »lesen« und seinerseits über präzise Körpersprache zu kommunizieren, ist eine perfekte Verständigung und Harmonie möglich - ganz anders, als wenn der Mensch versucht, das Pferd über mechanische Hilfsmittel (Kandare, Sporen, Gerte,…) zu dominieren. Dies ist das Geheimnis der »Pferdeflüsterer« und »Natural Horseman«. Pferde beobachten sogar, wie ein bestimmter Mensch mit einem anderen Pferd umgeht und reagieren selbst im Umgang mit diesem Menschen entsprechend. Sie haben also eine hervorragende Beobachtungsgabe und ziehen daraus Schlüsse für ihr Verhalten.

Immanuel Birmelin berichtet von Experimenten, in denen Forscher herausfinden wollten, welche Rolle die Augen bei der Kommunikation zwischen Mensch und Tier spielen. Ein Trainer hatte Futter in der Tasche. Wie würde das Pferd reagieren, wenn er Arme und Hände am Körper hat oder wenn er sich mit der Hand seine Augen zuhält oder die Augen schließt? Das Ergebnis: Waren die Augen zugehalten oder ganz einfach geschlossen, bettelten die Pferde häufiger über Wiehern und Berühren der Person um das Futter. Birmelin schreibt: »Wer hätte das gedacht, dass Pferde den Schluss ziehen können: „Bei geschlossenen Augen kann mich der Mensch nicht sehen, also muss ich ein Signal aussenden, das er wahrnehmen kann.“« - Für Menschen, die mit Pferden umgehen, ist das nicht überraschend: Sie wissen, dass man Pferden nichts vormachen kann, dass sie eine Person sofort einschätzen können, jeden Knoten aufbekommen und immer den richtigen Augenblick finden, in dem wir Menschen nicht aufpassen.

Pferde,

die einander freundschaftlich verbunden sind, haben einen langsameren und regelmäßigeren Herzschlag. · Bild: Nadine Haase · fotolia.com

Wer eine Beziehung zu Tieren aufbaut,

kommuniziert intuitiv in deren Sprache. Da diese Kommunikation vor allem auf Körperkontakt und Körpersprache beruht, begeben wir uns auf eine tiefere Kommunikationsebene. · Bild: Gerhard Seybert · fotolia.com

Situationen, die Wohlgefühl schenken,

bestärken die Bindung. · Bild: Eléonore H · fotolia.com

Liebe zwischen Mensch und Tier

Claude Béata geht in seinem Buch »Das Wagnis der Liebe« nicht nur auf die emotionale Bindung unter Artgenossen ein, sondern auch auf das Verhältnis zwischen Mensch und Tier. Als Tierarzt und Psychologe beleuchtet er sehr einfühlsam und einleuchtend die besondere Beziehung unseren Haustieren: »Aufschlussreich ist die Vielfalt, in der sich die Bindung präsentiert. Nach den vielen tausend Beispielen, deren Zeuge ich werden durfte, kann ich sicher sagen, dass es Bindung, ja, dass es Liebe zwischen Hunden und Menschen gibt. … Gemeinsam ist in allen solchen ‚Zweierbeziehungen’ zwar, dass die ‚Partner’ aneinander gebunden sind, aber kein Mensch und auch kein Hund ist es auf die gleiche Weise. Die Einzigartigkeit macht den Wert aus, unabhängig von der Schönheit und bisweilen sogar von der Zuträglichkeit des Verhaltens.«

Situationen, die Wohlgefühl schenken, bestärken die Bindung. Doch auch eine Gefahrensituation löst Bindungsverhalten aus. »Das ist auch der Grund für pathologische Beziehungen zwischen Peiniger und Opfer, … zwischen sadistischem Herrn und Hund.«

Hunde können Verhaltensstörungen infolge von Trennungsschmerz entwickeln - sei es die zu frühe Trennung von der Mutter oder die Trennung von geliebten Menschen. Enttäuschte Liebe führt zu Leiden, die sich in Eifersucht äußern kann. Als Tierarzt und Forscher hat Béata immer wieder mit Berichten über Eifersucht bei Haustieren zu tun, wobei die Ursache der Eifersucht in Leiden liegt. Dieses Verhalten beobachtet er auch bei dem Foxterrier, der in seiner Familie lebt: »Sobald wir uns einem anderen Tier zuwenden, muss er sich einmischen. Er kommt und legt sich geradewegs zwischen uns und die andere Kreatur.« In diesem Zusammenhang berichtet Béata von einem Videomitschnitt einer italienischen Veterinärskollegin: »Auf dem Video sieht man einen alten Hund gemeinsam mit seinem Halter und einem jungen Hund. Dieser macht Luftsprünge. Streicht um die Beine des Halters und erhält dafür Streicheleinheiten und Leckereien. Die Kamera richtet sich nun auf den müde daliegenden alten Hund und zeigt, wie dieser den jungen Hund mit tieftraurigen Augen anblickt. Man könnte meinen, einer Täuschung aufzusitzen, doch da merkt ein Familienmitglied die Szene, geht auf den alten Hund zu und streichelt ihn. Wie von einem Zauberstab berührt, wird der alte Hund wieder munter.«

Das Wissen über die Emotionen der Tiere sollte, so Claude Béata, vor allem dazu dienen, Tiere besser zu verstehen und ihnen Respekt zu zollen. Wenn wir zum Beispiel wissen, dass unsere Haustiere eifersüchtig sein können, dann sollten wir Wege finden, ihnen dieses Leiden zu ersparen.

Das Wissen über die Emotionen der Tiere

sollte, so Claude Béata, vor allem dazu dienen, Tiere besser zu verstehen und ihnen Respekt zu zollen. · Bild: sonya etchiso · fotolia.com

»Es wird Zeit, dass wir verstehen,

dass die Unterschiede zwischen den Mitgeschöpfen fließend sind.« (Immanuel Birmelin) · Bild: Rita Kochmarjova · fotolia.com

Empathie ist die mentale Fähigkeit,

nicht nur die eigenen Emotionen zu registrieren, sondern sich in die Gefühle anderer hineinzuversetzen, zu verstehen und das eigene Verhalten danach auszurichten. · Bild: Ronnie Howard - Fotolia.com

Empathie

Empathie ist die mentale Fähigkeit, nicht nur die eigenen Emotionen zu registrieren, sondern sich in die Gefühle anderer hineinzuversetzen, zu verstehen und das eigene Verhalten danach auszurichten.

Heute weiß die Wissenschaft von den Spiegelneuronen, durch die wir Handlungen, Absichten und Gefühle anderer selbst erleben und dadurch unmittelbar verstehen und entschlüsseln. Der Spiegelmechanismus ist die Grundlage, aus der Empathie erwächst.

Claude Béata stellt in seinem Buch »Das Wagnis der Liebe« verschiedene Experimente zu Empathie im Tierreich vor. So ist nachgewiesen, dass Ratten imstande sind, die Gefühle anderer Artgenossen nachzuempfinden und ihr Verhalten dadurch zu ändern: Bereits 1959 wurde das so genannte Milgram-Experiment mit Ratten durchgeführt. Ratten hatten gelernt, durch das Drücken eines Hebels an eine Belohnung zu kommen. Anschließend wurde durch das Drücken des Hebels mit einem Stromschlag für eine andere Ratte verbunden, die sich vor Schmerzen wand., während die erste Ratte ihre Belohnung bekam. »Das Ergebnis war eindeutig: Konnten die Ratten den Schmerz bei ihren Artgenossen sehen, unterbrachen sie in vielen Fällen die mit einer Belohnung verbundene Aktivität. Das traf umso mehr zu, wenn die Ratten selbst schon elektrische Schläge bekommen hatten und die damit verbundenen Schmerzen kannten.«

Ein ähnliches Experiment wurde mit Rhesusaffen durchgeführt: Um an Futter zu gelangen, mussten sie an einer Kette ziehen, die gleichzeitig einem anderen Affen einen schmerzhaften Stromschlag versetzte. »Von den fünfzehn Affen haben drei ihr Verhalten nicht geändert, zehn haben ihre Futteraufnahme auf das Notwendigste beschränkt und zwei haben kein Futter zu sich genommen und gefährdeten dadurch ihre Gesundheit.« Bei zwei Dritteln der Tiere ging die Empathie also soweit, dass sie sich weigerten, den elektrischen Schlag auszulösen, zwei von fünfzehn Affen waren sogar bereit, ihr Leben aufs Spiel zu setzen.

Dass Ratten und Rhesusaffen über Empathie verfügen, ist damit wissenschaftlich nachgewiesen. Viel mehr drängt sich die Frage auf: Wie hoch ist die Empathie von Menschen, welche solche Experimente durchführen?

Der Verhaltensforscher Immanuel Birmelin hat ebenfalls keinen Zweifel, dass Tiere sich in die Gefühle und Vorstellungen anderer Individuen versetzen können, also über Empathie verfügen. Er berichtet von einer Begebenheit mit einer Schimpansengruppe, die ihm Reto Weber vom Baseler Zoo berichtete: Die Schimpansen dösten, als plötzlich ein junger Spatz, der noch nicht gut fliegen konnte, vor den Füßen einer Schimpansin landete. »Blitzschnell griff sie zu, sein Schicksal schien besiegelt«, schreibt Birmelin. Doch dann geschah etwas Ergreifendes: »Die Schimpansin nahm das Vögelchen vorsichtig in ihre hohlen Hände - so sorgsam, als handele es sich um eine Kostbarkeit - und betrachtete entzückt den kleinen, vor Schreck gelähmten Spatz. In der Zwischenzeit wurden die anderen Schimpansen neugierig und eilten herbei. Sie streckten die Hände aus, und das kleine Geschöpf wurde behutsam in der Runde weitergereicht; jeder schien erfüllt von seiner Schutzbedürftigkeit und Niedlichkeit.« Als der letzte Schimpanse das Vögelchen in der Hand hielt, ging er ans Gitter und reichte es behutsam und ohne Hast Reto Weber, also einem Menschen. Die Schimpansen überschritten die künstlich aufgebauten Grenzen zwischen Mensch und Tier. »Es wird Zeit, dass wir verstehen, dass die Unterschiede zwischen den Mitgeschöpfen fließend sind«, so Immanuel Birmelin. »Sie haben Respekt verdient!«

Es ist immer rührend zu beobachten,

wie liebevoll, vorsichtig und einfühlsam Tiere mit kleinen Kindern umgehen - seien es Tierkinder der eigenen Art, einer anderen Tierart oder Menschenkinder. · Bild: Rita Kochmarjova · fotolia.com

Tiere haben die Fähigkeit zur Empathie

gegenüber Menschen. So gibt es immer wieder ergreifende Berichte von Hunden, Delfinen oder Gorillas, die Menschen schützen oder retten. · Bild: pitrs · fotolia.com

Tiere zeigen Empathie gegenüber Menschen

Es ist immer rührend zu beobachten, wie liebevoll, vorsichtig und einfühlsam Tiere mit kleinen Kindern umgehen - seien es Tierkinder der eigenen Art, einer anderen Tierart oder Menschenkinder. Hunde lecken liebevoll Katzenbabys und lassen es voller Nachsicht zu, wenn die Katzenjungen auf ihnen herumklettern.

Es gibt Pferde, die kleine Kinder lieben: Die Kleinen dürfen das große Pferd anfassen, an seiner Mähne ziehen, auf es zu stolpern oder krabbeln, um er herum oder auch zwischen den Pferdebeinen hindurch laufen, es stolz am Seil führen. Und das Pferd ist dabei ganz vorsichtig, würde dem kleinen Kind niemals etwas tun - obwohl es sich von erwachsenen Menschen nicht alles gefallen lassen würde.

Claude Béata beleuchtet in »Das Wagnis der Liebe« Fähigkeit von Tieren zur Empathie gegenüber Menschen: Delfine, die Menschen vor Haien beschützen, Gorillas in Gefangenschaft, die Kinder retten, die in ihr Gehege gefallen sind, oder Hunde, die ihr eigenes Leben riskierten, um ihren Besitzer in einer gefährlichen Situation zur Hilfe zu eilen. Béata geht es bei seinen Beobachtungen darum, Analogien und Korrespondenzen zwischen Gefühlsmustern von Mensch und Tier zu erkennen, damit wir Tiere besser verstehen lernen, aber auch mehr über uns selbst erfahren.

Die Gorilladame Binti Jua wurde 1996 in den USA zur »Heldin des Jahres« gewählt: »Binti Jua kümmerte sich um ein Kind, das mehrere Meter tief in ihr Gehege fiel und bewusstlos war. Niemand glaubte an seine Rettung. Binti Jua nahm es vorsichtig in den Arm, ging mit ihm zunächst an einen sicheren Ort, dann an die Pforte, wo das Zoopersonal wartete. Als sie das Kind überreichte, strich sie ihm leicht über den Kopf - eine Geste, die fast überall auf der Welt bedeutet: ‚Sei unbesorgt, alles wird wieder gut.’ Diese Handbewegung habe ich schon tausendmal bei Eltern gesehen, die ihre Kleinsten in den Kindergarten begleiten«, schreibt Claude Béata. »Binti Jua trug zu der Zeit ihr siebzehn Monate altes Kind bei sich.«

Claude Béata berichtet von einem Labrador, der das Leben des vierzehn Monate alten Jungen der Familie rettete. Der Kleine war in den Swimmingpool gefallen. Die völlig aufgelöste Mutter fand ihn bewusstlos auf dem Rücken des Hundes. »Dieser war nach dem Jungen getaucht, hatte ihn auf seinen Rücken gesetzt und befand sich nun in der Mitte des Pools. Er bewegte sich nicht, hielt sich aber gerade noch über Wasser, wobei er nicht so recht wusste, wie er seine kostbare Last ins Trockene bringen konnte.«

In Arizona rettete ein Hund ein fünfzehn Monate altes Mädchen, das bei einem Spaziergang mit ihren Eltern im Winter verloren gegangen war. Im Verlauf der 15 Stunden, in denen das Mädchen gesucht wurde, sank die Temperatur auf zweistellige Minusgrade! »Als der Hubschrauber das Kind entdeckte, lag es eng angeschmiegt am Körper des Hundes. Der Hund nahm beim Eintreffen der Helfer erst eine drohende Haltung ein, als das Kind jedoch aufwachte und den Menschen zulächelte, sprang er stürmisch um sie herum«.

Claude Béata weist treffend darauf hin, dass diese Geschichte viele aufschlussreiche Details über Empathie enthält: »eine sensorische, kognitive und funktionale Empathie; die Aufrechterhaltung des Schutzes, selbst wenn sie uns unangemessen erscheint (aber für einen Hund sind uniformierte Leute, die behelmt aus einem Hubschrauber steigen, nicht gerade die Vertrauen erweckendsten Gestalten…); das Entschlüsseln der von dem Mädchen ausgehenden Signale und die Feinabstimmung damit, denn als das Mädchen zeigte, dass es keine Angst hatte, beruhigte sie den Hund.«

Als Tierarzt erfährt Claude Béata immer wieder ganz alltägliche Beispiele von Empathie von Tieren gegenüber Menschen: »Wenn ich weine, kommt er und leckt meine Tränen ab.«, »Wenn ich weine, legt er sich zu mir und rührt sich nicht mehr, während er sonst immer lebhaft ist.« Eine Frau berichtete von ihrer Hündin: »Der Kontakt mit ihrer Schnauze genügte mir manchmal, um aus meiner melancholischen Stimmung zu kommen. Zeigte ich aber keine Reaktion, dann lief Candy kurz weg und kam mit einem von ihren Spielzeugen zurück. Wenn das immer noch nicht genügte, nahm sie die Spielhaltung ein, wedelte mit der Rute und lag mit dem Brustkorb fast auf dem Boden…: ‚Sei nicht traurig, komm, spiel mit mir!’«

Tiere können Entscheidungen treffen,

sind fähig zu gezielten Problemlösungen und leben wie wir in einer Welt von Gefühlen. · Bild: Julija Sapic - Fotolia.com

Empathie, Solidarität und Zuneigung:

Universelle Konzepte

»Die emotionale Bindung ist keine bloße Option, sondern ein Antrieb, eine Kraft, die das ganze Leben der Individuen leitet«, so Claude Béata. Alle Lebewesen brauchen notwendigerweise von Geburt an eine Bindung, die ihnen ein sicheres Fundament gibt. Der Autor sieht Empathie, Solidarität und Zuneigung daher als universelle Konzepte, die für Mensch wie Tier gültig sind.

Mangel an Empathie Tieren gegenüber?

»Wir verstehen unser Gegenüber besser oder überhaupt nur, ob Mensch oder Tier, wenn wir annährend verstehen, was in seinem Kopf vor sich geht«, schreibt Dr. Immanuel Birmelin. »Wenn wir Menschen aber verneinen, dass ein Großteil der Tiere denken, fühlen und ein Bewusstsein haben, berücksichtigen wir ihre Tierpersönlichkeit unvollständig.« Die Folgen sind Haltungsfehler bei Haustieren und Ausbeutung bei den Tieren, die wir als ‚Nutztiere’ bezeichnen. Bei Zoo- und Zirkustieren führt die nicht tiergerechte Haltung zu schwerwiegenden Verhaltensstörungen. »Vielleicht ist Missachtung der geistigen Fähigkeiten der Tiere und der Mangel an Empathie die Wurzel der unzähligen Grausamkeiten unseren Mitgeschöpfen gegenüber«, gibt der Verhaltensbiologe zu bedenken. »Wir alle kennen die Gewalt gegen Tiere, verschließen aber die Augen vor ihr.«

Wir alle kennen die Bilder aus der Massentierhaltung, aus den Schlachthöfen, aus den Tierversuchslabors - aber wir wollen sie nicht sehen. Wir verdrängen diese Bilder. Warum lassen wir unsere Gefühle bei den Grausamkeiten gegenüber Tieren nicht zu? Weil wir dann unser Verhalten ändern müssten? Wäre es nicht an der Zeit, unsere Empathie zu Tieren zu entwickeln?

"Zeigen wir mehr Sensibilität!"

Claude Béata weist in seinem Buch »Das Wagnis der Liebe« darauf hin, dass Wissenschaftler an die Tiere oft falsche Fragen stellen, weil es typische Fragen von Menschen sind, die Tiere doch beim besten Willen nicht beantworten können:

»Manchmal höre ich im Traum einer Versammlung von Delfinen zu. Sie studieren Menschen, die wohl eine neue Sintflut zu einem Leben im Wasser gezwungen hat. Vielleicht beginnt der geistig aufgeschlossenste Delfin unter ihnen seine Einführungsvorlesung mit folgenden Worten: »Liebe Kollegen und Freunde, ich versichere Ihnen, diese Gattung ist nicht uninteressant. Natürlich sind sie bedauernswerte Geschöpfe, die nicht wie wir beim Schwimmen schlafen können. Sie können nicht einmal mit einem Fuß auf einem im Wasser treibenden Baumstamm stehen und sich ausruhen, wie einige mit uns befreundete Vögel. Von der Geschwindigkeit, mit der sie schwimmen, will ich gar nicht erst reden… Trotz dieser hinlänglich bekannten Defizite und Mängel (sie verfügen nicht einmal über eine Ortung mit Sonar) und trotz ihrer mangelhaften Ergebnisse beim DIAT (dem Dolphin Intelligence Assessment Test; dabei müssen in einem ersten Teil Fischschwärme über Radar erkannt werden, und in einem zweiten Teil geht es um die charakteristischen Pfeiflaute, über die junge Delfine schon mit sechs Monaten verfügen) denke ich immer noch, dass sie eine elementare Form von Intelligenz haben.«

Ich schrecke aus dem Schlaf hoch: Zum Glück stimmt das nicht, die Erde mit ihrem festen Grund und Boden ist noch immer da! Wir können sie noch zerstören oder aber bewahren, indem wir aufhören, Tiere vor unlösbare Probleme zu stellen, sondern sie in die Überlegungen zu wichtigen Fragen ihrer und unserer Existenz einbeziehen. … Stellen wir also weniger abstrakte Erklärungsversuche an und zeigen wir dafür mehr Sensibilität!«
(Claude Béata: Das Wagnis der Liebe, S. 84-85)

Literatur

Claude Béata: Das Wagnis der Liebe

Liebe ist existenziell, nicht nur für uns, sondern auch für die Tiere. Claude Béata zeigt in berührenden Beispielgeschichten, untermauert von neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen: Tiere können wie wir leiden, lieben, treu sein und haben die Fähigkeit zur Empathie.

Claude Béata ist ein renommierter französischer Tierarzt und Psychologe und einer der Pioniere auf dem Gebiet der Emotionsforschung bei Tieren. Seine Bücher sind in Frankreich Bestseller.

Claude Béata: Das Wagnis der Liebe
Was wir von den Tieren lernen können
Originaltitel: Au risque d’aimer
Gebunden mit Schutzumschlag 352 Seiten
Riemann-Verlag, Sept. 2014
ISBN: 978-3-570-50172-6
Preis: 19,99 Euro
Immanuel Birmelin: Tierisch intelligent

Seit Jahrzehnten erforscht Immanuel Birmelin die Gedächtnisleistung und die Gefühlsebenen von Tieren. Dabei wird eines deutlich: Tiere können Entscheidungen treffen, sind fähig zu gezielten Problemlösungen und leben wie wir in einer Welt von Gefühlen. Eine spannende Reise zu Wild- und Haustieren, die uns in Erstaunen versetzt und unser Verhältnis zu Tieren ändern wird.

Dr. Immanuel Birmelin, geb. 1943, studierte Biologie und Chemie und promovierte an der Universität in Bern. Er ist Verhaltensforscher von internationalem Rang und war Mitglied der Fachgruppe für Verhaltensforschung der Deutschen Veterinär­medizinischen Gesellschaft.

Immanuel Birmelin: Tierisch intelligent
Von zählenden Katzen und sprechenden Affen
Taschenbuch, 272 Seiten
KOSMOS, 1. Auflage 2011
ISBN: 978-3440121955
Preis: 9,99 Euro

Kontakt:
Verein für Verhaltensforschung bei Tieren
Dr. Immanuel Birmelin
Rotackerstr. 28 · 79104 Freiburg
www.tierverhaltensforschung-birmelin.de